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Autofahren & Behinderung?


Auf der Anfangsseite dieses Bereiches stellte ich die Frage, ob ein Leben im Rollstuhl noch lebenswert sei. Die Beantwortung dieser Frage hängt auch im wesentlichen von der persönlichen Mobilität ab, die für einen Behinderten eine wichtige Grundlage für eine ausreichende Lebensqualität darstellt. Reisen zu können, andere Leute zu sehen, neue Eindrücke zu gewinnen erweitert nicht nur den eigenen Horizont, sondern ist für die besondere psychische Situation, in der ein Behinderter gerade kurz nach einem Unfall steckt (aber nicht nur dann!), von unschätzbarem Wert, halt "Balsam für die Seele".

Da Bus und Bahn aber als Massenverkehrsmittel nicht immer die optimale Lösung der Verkehrsprobleme von Behinderten darstellen, sei es nun von organisatorischer, gesundheitlicher oder technischer Seite her, ist die individuelle Mobilität ein wichtiger Punkt. Das Training in den Rehabilitationszentren sollte sich deshalb nicht nur auf stupide Kraftübungen oder Massagen beschränken, sondern als konkretes Ziel zum Beispiel die Frage stellen: "Wie komme ich in ein Auto?". Diese Frage stellte ich mir Anfang der 80iger Jahre und die eigenen Experimente endeten oft genug zwischen Auto und Rollstuhl. Regelmäßiger Sport und immer wieder Probieren schufen dann die Möglichkeit, mit dem Auto zu verreisen. Erst noch als Gast mit anderen Fahrern, seit 1986 aber mit dem eigenen Fahrzeug (damals war es der "Wartburg" - für Unkundige: PKW mit Zweitaktmotor, drei Zylinder mit 992 cm³ Hubraum, 50 PS/37 kW, Viergang-Schaltgetriebe, ca. 4,20 lang).

Wartburg 353 Kombi
Dieser Typ wurde in Varianten über 20 Jahre lang im Automobilwerk Eisenach gebaut.
Nicht nur, daß auf solch einem Fahrzeug die Fahrschule absolviert wurde, innerhalb von 5 Jahre legte ich damit ca. 90.000 km zurück.
Als Hinweis: Zusätzlich zur (mageren) Serienausstattung kam noch eine Hycomat-Kupplung (vom Trabant 601) hinzu. Das Fahrzeug hatte weder Bremskraftverstärker noch Servolenkung - für einen Körperbehinderten stellte die Bedienung des Fahrzeugs schon körperliches Training dar!

Da die Lähmung sich auch auf die Hände und Finger erstreckt, versagte die Standardlösung für das Gasgeben. Bremse sowie Schalten waren kein Problem, die Bedienung des Gasdrehgriffes stellte für mich aber eine unüberwindliche Hürde dar. Da es zum damaligen Zeitpunkt noch keinerlei elektronische Lösungen gab, mußte ich mir eine Variante einfallen lassen, die mechanisch einfach, robust und trotzdem sensibel genug war. Auf den folgenden Fotos zeige ich die Lösung, die ich seit etwa 18 Jahren verwende und die seit der Anfangszeit bis auf wenige Details unverändert zum Einsatz kommt.

Behindertenausstattung auf einen Blick
Hier ein Blick auf die Ausstattung. 1 - Bremsgestänge; 2 - Gashebel; 3 - Bremshebel. Der Bremshebel wird zum Bremsen einfach nach unten gedrückt. Der Gashebel überträgt durch einen Bowdenzug die Kraft auf das Gaspedal.

Am Anfang stand die Analyse der Bewegungen. Welche ist die kritischste Verkehrssituation? Für mich war es das Linksabbiegen an einer Kreuzung: Es müssen Blinkersetzen, Anfahren, Bremsen (nachdem man auf die Kreuzung gerollt ist), Lenken - Gasgeben (gleichzeitig!), Lenken, Schalten (bei Schaltgetriebe - inzwischen erledigt das eine Automatik) in etwa 1,5 sec. in harmonischer Abfolge abgewickelt werden. Dies bedeutet, daß eine Hand mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen muß (in diesem Fall ist es die linke): Blinkersetzen, Gasgeben, Lenken, während die rechte Hand gewissermaßen als "Sicherheitsreserve" auf dem Bremshebel liegt und das Fahrzeug schnell stoppen kann. Die besondere bogenförmige Konstruktion des Gashebels ermöglicht das Mitgleiten der linken Hand auf dem Lenkrad beim Gasgeben (Lenken - Gasgeben) und durch eine genaue Einstellung sogar das Auslösen des Blinkerhebels mit einem Finger. Diese Lösung gewährleistet, daß immer eine Hand am Lenkrad des Fahrzeugs ist bzw. man andere notwendige Tätigkeiten (Licht einschalten, Scheibenwischer betätigen oder Radio anschalten usw.) während der Fahrt gefahrlos ausführen kann. Die Kraftübertragung erfolgt dann über Gestänge (Bremse) sowie über einen doppelt gewendelten Bowdenzug (der ist knickfest und erlaubt gefühlvolles Gasgeben).

Obwohl die linke Hand auf dem Lenkrad bleibt, hat sie ganz schön zu tun!

Hier noch einmal eine Nahaufnahme der Behindertenausrüstung. 1 - Tempomat (in Verbindung mit einem Automatikgetriebe); 2 - Multifunktionshebel mit Stellhilfe; 3 - Gashebel. Die Stellhilfe am Multifunktionshebel erleichtert die Handhabung von Scheibenwischer/ -waschanlage, Blinker und Lichthupe/ Fernlicht. Die besondere Einstellung des Gashebels ermöglicht die gleichzeitige Bedienung des Multifunktionshebels. Das Gasgeben erfolgt durch Herunterdrücken des Gashebels mit der Handkante, wobei die Hand auf dem Lenkrad verbleibt.

Ich wurde schon gefragt, warum ich keine elektronische Lösung dieses Problems anstrebe, obwohl es schon genügend Geräte dafür gibt. Elektronik kann schnell versagen und ist dann nur von Spezialisten wieder reparierbar. Hier sind einfache mechanische Kenntnisse ausreichend und Reparaturen (die es bis jetzt aber noch nicht gegeben hat - toi, toi, toi) können auch von einfachen Kfz-Mechanikern ohne Probleme ausgeführt werden. Nebenbei ist diese Lösung auch recht preisgünstig im Gegensatz zur JoyStick-Steuerung mit Spracheingabe, die zur Zeit wohl das Nonplusultra auf dem Gebiet der Fahrzeugsteuerungen darstellt.

Bei allem muß aber betont werden, daß es sich hier um eine individuelle Lösung handelt. Jede Behinderung ist anders und danach muß sich der Kfz-Umbau richten. Es hängt entscheidend vom Behinderten selbst ab, wieviel Phantasie er entwickeln kann, um die optimale Lösung für seine Behinderung zu finden. Man sollte sich dabei nicht nur auf Standardlösungen verlassen, sondern ruhig ein bißchen eigene Kreativität entwickeln, damit das Fahren nicht nur ein Transportvorgang von Punkt A zu Punkt B ist, sondern auch Spaß machen kann. Die Worte eines Kfz-Meisters klingen mir da noch im Ohr, als er einschätzen sollte, ob ich in der Lage sein werde fahren zu können oder nicht: "Ich kann nicht sagen, ob Sie fahren können, Sie müssen es wollen und dann werden wir eine Lösung finden, denn bauen kann man eine Menge....". In dem Sinne wünsche ich denen, die noch zögern, genug Mut, sich mal an dieser Sache zu versuchen.


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